Ein Anhänger des Spoler Zeide, eines großen Zadiks, kam weinend zu seinem Rebbe. „Was soll ich tun?“, rief er. „Man hat Diebesgut in meinem Hof gefunden und klagt mich an. Mein Anwalt sagt, mir drohen mindestens drei Monate im Gefängnis.“

Der Zeide hörte zu und antwortete: „Ich werde ein besserer Anwalt für dich sein, und du wirst nur einen Monat ins Gefängnis kommen.“

„Aber Rebbe“, bat der Mann, „ich bin unschuldig. Warum muss ich einen Monat ins Gefängnis?“

„Ich werde dir von einem ähnlichen Vorfall erzählen; dann wirst du es verstehen. Einmal wohnte ich bei einem sehr gastfreundlichen jüdischen Zollbeamten. Ich freundete mich mit einem anderen Gast an, und als der Schabbat endete, wollten wir gemeinsam weiterreisen. Ich wusste nicht, dass dieser Mann wertvolle Silberstücke aus dem Haus gestohlen hatte. Als wir die Straße entlang gingen, hörten wir, wie eine Kutsche sich rasch näherte. Der Mann bat mich, eine Weile seinen Rucksack zu halten, und verschwand im Wald. Die Kutsche hielt vor mir, und ich erkannte den Zollbeamten und einen Nichtjuden. „Packt ihn“, schrie der Jude, „er ist der Dieb!“ Bevor ich wusste, was geschah, warfen sie mich hinten in die Kutsche und fuhren fort. Als ich mich vom ersten Schrecken erholt hatte, versuchte ich zu erklären, dass nicht ich, sondern der andere das Silber gestohlen hatte; aber sie glaubten mir nicht. Offenbar war alles umsonst, und ich akzeptierte den Willen des Himmels. Man warf mich in eine Zelle voller furchterregender Verbrecher, die sich über mich lustig machten. Sie zogen an meinem Haar und an meinem Bart, und ich konnte den Himmel nur bitten, mich aus ihren Klauen zu befreien. Sie verlangten Geld von mir, doch als sie sahen, dass ich nichts hatte, wollten sie mich verprügeln. Zwei hielten mich fest, der Dritte schlug mich. Sofort schrie er vor Schmerz, und seine Hand schwoll an und blutete. Die Diebe und Mörder, die mich umringten, besprachen sich. Einer sagte, ich sei ein Zauberer, ein anderer meinte, ich sei ein Heiliger. Auf jeden Fall vereinbarten sie, mich in Ruhe zu lassen. Als die unmittelbare Gefahr vorbei war, sah ich mich um. Ein Gefangener, den sie „Zigeuner“ nannten, war in Wirklichkeit ein polnischer Jude, der wegen Pferdediebstahls einsaß. Ich erkannte, dass ich im Gefängnis war, um ihm zu helfen, damit er bereute. Wir unterhielten uns, und ich gewann sein Vertrauen. Er erzählte, er sei als Waise bei einer Bande untergekommen, deren Gewohnheiten er angenommen habe. Eines Morgens kam er entsetzt zu mir. Er hatte von seinen toten Eltern geträumt, die ihm befahlen, alles zu tun, was ich ihm sagte. Wenn er sich weigere, werde er im Schlaf sterben. Von da an war er ein eifriger Büßer. Allmählich führte ich ihn in die jüdische Religion ein. Er hörte auf, verbotene Speisen zu essen, begann zu beten und bat G-tt, ihm seine Sünden zu vergeben. Nach mehreren Wochen schlief er sogar neben mir und sah in mir ein Vorbild in Wort und Tat. Einige Tage später riet mir Elijahu im Traum, zu fliehen und nach Slotopoli zu gehen, wo man mir die Stellung eines Gerichtsdieners anbieten werde. Aber ich hatte meinem Gefährten versprochen, ihn nicht im Stich zu lassen. Würde auch für ihn ein Wunder geschehen? Ich nahm ihn mit, und als wir an die erste Tür kamen, war sie offen. Er hielt sich an meinem Gürtel fest, und wir gingen mit unbekanntem Ziel hinaus in die Nacht. Stunden später machten wir am Haus eines Juden eine Pause. Er sagte, wir seien auf dem Weg nach Slotopoli. Drei Tage später erreichten wir die Stadt, und ich wurde als Gerichtsdiener eingestellt.

Wie du siehst, brauchst du dich über G–ttes Urteile nicht zu beklagen. Ich versichere dir, dass alles, was geschieht, dem Guten dient, einerlei, wie es aussieht. Und ich verspreche dir, dass du nicht länger als einen Monat im Gefängnis sein wirst.“