Im Mittelalter hatte die Stadt Bodenheim im Elsass eine blühende jüdische Gemeinde. Einer ihrer größten Schätze war ein silberner Zeigestock in Form einer Hand, mit dem man die Stellen in der Torarolle anzeigte, die gelesen werden sollten. Der Stock wurde angeblich schon im römischen Reich hergestellt, und die Bodenheimer Juden waren stolz auf diese Antiquität.
Irgendwann verbreitete ein Schreinerlehrling böse Gerüchte über die Juden, wie es damals üblich war. Er behauptete, er habe zwei jüdische Händler belauscht. Sie hätten über ein Treffen aller elsässischen Rabbiner in Kolmar gesprochen, und diese planten, die Brunnen in Bodenheim, Kolmar und dem benachbarten Schlettstadt zu vergiften. Da in der Region eine seltsame Krankheit wütete, wurde die Geschichte geglaubt.
Sofort brachte man die Rabbiner vor Gericht und verhörte sie. Sie bestätigten, dass sie sich in Kolmar getroffen hatten; aber dabei sei es nur darum gegangen, den jüdischen Glauben zu stärken, der in mancher Hinsicht Schwächen zeige. Der Polizeichef akzeptierte diese Erklärung nicht und drohte, sie zu foltern, wenn sie kein Geständnis ablegten.
Einer der Rabbiner, Rabbi Wolf, erklärte: „G-tt ist unser Zeuge dafür, dass wir nichts Böses vorhaben.“
„Das werden wir morgen sehen“, sagte der Polizeichef. „Doch wehe euch und euren Familien, wenn wir weitere Beweise finden oder wenn einer von euch gesteht. Wir werden eure Häuser plündern, euch die Familien wegnehmen und vor nichts zurückschrecken, bis ihr gesteht!“
In dieser Nacht schloss kein Rabbiner die Augen. Alle flehten G-tt um Hilfe an. Am nächsten Tag bat Rabbi Wolf darum, mit dem Lehrling sprechen zu dürfen, um herauszufinden, was ihn zu derart schrecklichen Unterstellungen verleitet habe.
Man holte den Lehrling, und er berichtete, er sei in einer Kutsche zusammen mit zwei jüdischen Kaufleuten von Bodenheim nach Kolmar gefahren. Im Halbschlaf habe er sie sagen hören: „Die Versammlung muss etwas gegen das Gift unternehmen, dass sich in unserem lebensspendenden Brunnen im Elsass verbreitet.“
Rabbi Wolf lächelte und erklärte dem Polizeichef: „Ich kann alles erklären. Bei dem Treffen ging es darum, den Glauben unserer Jugend zu stärken und zu verhindern, dass sie unser kostbares Erbe aufgeben. Unsere Tora wird oft ‚Brunnen des lebendigen Wassers‘ genannt. Wer das Judentum verunreinigt, vergiftet dieses Wasser; denn das Wasser der Tora muss rein bleiben, damit wir davon trinken können. Diese beiden Männer wollten nicht die Brunnen im Elsass vergiften, G-tt verhüte es. Sie sprachen von der Gefahr, dass die Brunnen der Tora vergiftet würden.“
Die Polizei zweifelte an dieser Erklärung, war aber beeindruckt, als die Rabbiner ihnen vorschlugen, ihre eigenen Geistlichen zu befragen. Also brachte man die Sache vor den Stadtrat. Einer der Räte, ein Adliger namens Bodo, hasste die Juden, weil er ihnen viel Geld schuldete. Er beantragte, alle jüdischen Häuser zu durchsuchen, um Beweise für die Verschwörung zu finden. Der Stadtrat stimmte zu.
Am späten Abend schickte Bodo einen starken, furchtlosen Diener namens Ulrich in die Synagoge von Bodenheim, um dort einen Sack voller Gift zu verstecken. Mit dem Sack in einer Hand ging er zum Toraschrein. Da die Tür schwer zu öffnen war, nahm er den Sack zwischen die Zähne und öffnete die Tür mit beiden Händen. Sekunden später durchbrachen laute Schmerzensschreie die Nacht.
Der Hausmeister wachte auf und sprang aus dem Bett, als er merkte, dass die Schreie aus der Synagoge kamen. Er lief hin und fand Ulrich, der sich vor Schmerzen krümmte und in panischer Angst den Schatten einer Hand anstarrte, der anklagend auf ihn zeigte.
Der Hausmeister sah sofort, was Ulrich geplant hatte. Vor Schreck hatte er offenbar ein wenig Gift verschluckt. Natürlich wusste der Hausmeister, dass der Schatten der silberne Zeigestock war. Sofort rief er den Polizeichef und alle Ratsmitglieder in die Synagoge. Als Bodo ankam, zeigte Ulrich, der noch nicht sprechen konnte, mit dem Finger auf ihn. Bodo wusste, dass er überführt war, und gestand seinen Plan, die Elsässer gegen die Juden aufzuhetzen, um diese zu vernichten.
Die Juden dankten G-tt für die Rettung ihrer Rabbiner und der ganzen Gemeinde, und der silberne Zeigestock war künftig in den Augen der Menschen ein noch größerer Schatz.
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