Rabbi Jehuda ben Mosche Hakohen war der Leibarzt König Alfons X. von Kastilien, einer der ersten Provinzen, welche die Spanier im 13. Jahrhundert von den nordafrikanischen Arabern zurückerobert hatten. Der König war ein großer Freund der Juden, und er lud sie ein, sich in Toledo, Cordoba, Sevilla und anderen spanischen Städten niederzulassen. Zudem hatte er viele berühmte jüdische Berater. Da König Alfons die Dienste der Juden für sein Land schätzte, schützte er sie und erlaubte ihnen, ihr Leben und ihre Religion frei zu gestalten. Wie die Könige anderer Länder stand aber auch er unter dem starken Einfluss des Klerus, einem fanatischen Feind der Juden. Rabbi Jehuda war ständig auf der Hut, denn er fürchtete, der König werde diesem Einfluss erliegen.
Eines Tages ging Jehuda in den Palast, um den König zu besuchen. Das tat er oft. Aber diesmal wollte der König ihn nicht empfangen. Offensichtlich hatte sich seine Einstellung gegenüber Rabbi Jehuda geändert, und der Rabbiner hatte düstere Vorahnungen. Schweren Herzens verließ er den Palast, doch anstatt nach Hause zu gehen, besuchte er seinen engen Freund Don Jitzhak de la Maleha. Dieser war nicht überrascht, denn er wusste, dass der König wichtige Gäste hatte, zwei Botschafter des Königs von Portugal, Alfons III. Er wusste nicht, worum es ging, aber er hatte Freunde am portugiesischen Hof, die er fragen konnte. Die beiden vereinbarten, sich in drei Tagen erneut zu treffen, um Informationen auszutauschen und Pläne zu schmieden. Doch bevor die drei Tage um waren, überbrachte Jitzhak seinem Freund eine dringende Botschaft: „Ich habe erfahren, dass der portugiesische Kronprinz Diniz an einer rätselhaften Krankheit leidet, welche die Ärzte nicht heilen können. Zudem ist es den Priestern gelungen, den König gegen seine treuen jüdischen Beamten aufzubringen. Wie du weißt, ist unser Kronprinz Sancho ein Ränkeschmied, der nach Macht strebt. Er will ein Bündnis mit Portugal schließen und seine Schwester Maria mit Diniz verheiraten.“
„Was ist daran schlecht?“, fragte Jehuda.
„Nun, im Bündnisvertrag steht, dass die beiden christlichen Königreiche alle Juden vertreiben, die nicht zum Christentum übertreten!“
Jehuda erbleichte, und Tränen standen in seinen Augen. „Der Hüter Israels möge uns retten“, flehte er in einem innigen Gebet. Die Absichten der portugiesischen Botschafter waren klar, ebenso die kühle und unfreundliche Haltung des Königs.
Jehuda dachte nach. „Solche Bündnisse brauchen Zeit. Inzwischen können wir die Gefahr vielleicht abwenden. Vielleicht bläst der König alles ab, wenn er hört, dass Diniz krank ist.“
„Wenn es um Politik geht, spielen Krankheiten keine Rolle“, entgegnete Jitzhak. „Aber ich habe eine bessere Idee, sofern G-tt uns hilft. Du musst eingreifen.“
„Ich werde tun, was ich kann. Aber was?“, fragte Jehuda.
„Du reist nach Lissabon und heilst den Kronprinzen.“
Die beiden Freunde erörterten den Plan ausführlich. Rabbi Jehuda packte seine Tasche mit Arzneien und reiste heimlich nach Portugal. Bald verbreitete sich am Königshof das Gerücht, ein berühmter Arzt aus Spanien sei angekommen. Kaum hatte der König das gehört, ließ er den neuen Arzt rufen, damit er seinen geliebten Sohn untersuchte. Er versprach jede Belohnung, wenn dem Arzt gelänge, was allen Ärzten Portugals misslungen war.
Jehuda untersuchte den Kranken und sagte dem König, sein Sohn habe ein Blutgerinnsel im Gehirn. Eine Operation sei schwierig, aber er sei dazu bereit. Bis dahin stehe der Prinz unter seiner Obhut. Der König war einverstanden. Alles verlief wie geplant; aber am Operationstag erhielt Rabbi Jehuda unerwartet die Anweisung, das Land sofort zu verlassen. Es war unverständlich, aber er packte und reiste ab.
Er war erst ein paar Stunden unterwegs, als eine Kutsche ihn einholte und der König selbst ausstieg. „Der Priester hat ein Komplott geschmiedet. Aber diesmal wird er dafür bezahlen! Was kümmert es mich, ob du ein Jude bist, wenn du meinen Sohn heilen kannst!“ Dann berichtete er.
Der Priester war sich sicher, dass dieser neue Arzt ein Jude war, wahrscheinlich der Arzt des Königs von Spanien. Er wollte ihn unbedingt in Misskredit bringen. Also ging er zum König mit der Lüge, die Juden hätten beschlossen, den Kronprinzen mit Hilfe dieses jüdischen Arztes zu töten und die geplante Heirat dadurch zu verhindern.
„Ich gebe zu, dass ich mich vom Priester täuschen ließ. Aber als ich meinem Sohn alles erzählte, erklärte er die Anschuldigungen für unsinnig. Er weinte und sagte, wenn du ihn nicht behandeln dürfest, werde er sich das Leben nehmen. Du seist seine letzte Hoffnung und er vertraue dir völlig. Ich bin selbst gekommen, um dich um Verzeihung zu bitten. Bitte behandle meinen Sohn.“
Jehuda Hakohen nahm die schwierige Operation vor, und der Allm-chtige gewährte im Erfolg. Der Kronprinz wurde gesund, und Rabbi Jehuda reiste reich beschenkt nach Hause. Natürlich bestand sein größter Lohn darin, dass die Juden nicht vertrieben wurden, sondern in den nächsten zweihundert Jahren in Spanien und Portugal ziemlich unbehelligt und in gewissem Wohlstand leben konnten.
ב"ה
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