Die Einwohner von Witebsk waren geizig. Die Juden der Stadt ließen zwar niemanden verhungern, sondern gaben den Hungernden zu essen. Aber wenn es um Geld ging – das war etwas ganz anderes! Sie gaben meist nur Geld, wenn man sie dazu zwang.
Einmal kam ein Chassid aus Witebsk zum Zemach Zedek, Rabbi Menachem Mendel, dem dritten Rebbe von Lubawitsch. Sein einziger Sohn, sein Augapfel, musste in wenigen Tagen zur Musterung erscheinen und, wenn er tauglich war, in der russischen Armee dienen. Der Chassid war mit seiner Weisheit am Ende. Es war ein besonders hartes Jahr, denn die Regierung zog jeden ein. Männer, die normalerweise befreit wurden, mussten einrücken. Früher hätte der Chassid sich darauf berufen können, dass sein Sohn sein einziges Kind war; jetzt spielte das keine Rolle mehr. Der Chassid stand im Zimmer des Rebbe und bat um seinen Segen. Der Rebbe sah ihn prüfend an und sagte: „Ich kann dir nicht helfen.“
Trotz dieser unerwarteten Antwort verlor der Chassid nicht den Glauben. Er blieb und flehte den Rebbe um seinen Segen an – vergeblich. Der Rebbe antwortete einfach: „Ich kann dir nicht helfen.“ Der Chassid war mit Reb Schmuel, dem Sohn des Rebbe, befreundet, der später Nachfolger seines Vaters wurde. In seiner Verzweiflung erzählte der Chassid ihm alles, was ihn bedrückte. Konnte Reb Schmuel sich für ihn einsetzen? Reb Schmuel versprach, sein Bestes zu tun. Als die Zeit günstig war, ging er zu seinem Vater, um für seinen Freund zu bitten. Doch der Zemach Zedek antwortete wieder: „Ich kann ihm nicht helfen.“
Also kehrte der Chassid mutlos und verzweifelt nach Witebsk zurück. Zwei Tage vor der Musterung seines Sohnes schickte er einen Boten zu Reb Schmuel und bat ihn erneut inständig um Hilfe. Reb Schmuel ging zu seinem Vater. Sie hatten nur noch zwei Tage Zeit – konnte der Rebbe den Chassid segnen? Der Zemach Zedek sah seinen Sohn an und fragte: „Was willst du von mir? Ich kann ihm nicht helfen. Bring mir eine Midrasch Tanchuma.“ Reb Schmuel tat es, und der Rebbe schlug den Vers im Wochenabschnitt Mischpatim auf, der mit den Worten beginnt: „Wenn du meinem Volk Geld borgen willst“, und las vor: „Der Heilige, gepriesen sei er, sagt: ‚Die Seele des Armen hungerte, und du hast ihm geholfen und ihm neues Leben geschenkt. Ich verspreche dir, dass ich dich mit einer Seele für eine Seele belohnen werde. Der Tag wird kommen, an dem dein Sohn oder deine Tochter krank wird und an der Schwelle des Todes steht. Dann werde ich daran denken, was du getan hast, und werde eine Seele mit einer Seele belohnen.‘“ Der Rebe schloss das Buch, und damit war die Sache erledigt.
Einige Tage vergingen, und in Lubawitsch war zu hören, dass der Sohn des Chassiden nicht einberufen worden war. Er war von der Musterung als freier Mann zurückgekehrt. Als der Zemach Zedek das hörte, freute er sich sehr. Auch Reb Schmuel jubelte, aber er fragte sich, was geschehen war. Was hatte den Jungen gerettet?
Kurze Zeit später besuchte Reb Schmuel einen gewissen Dr. Heibenthal in Witebsk. Bei dieser Gelegenheit traf er sich mit seinem Freund und fragte ihn, was er an dem Tag getan habe, als sein Sohn bei der Musterung gewesen sei. „Wie hast du deinen Sohn gerettet?“, wollte er wissen. „Ich weiß es wirklich nicht“, antwortete der Mann. Aber ich werde meine Frau fragen. Doch seine Frau konnte sich an nichts Besonderes erinnern. Reb Schmuel bat sie, gut nachzudenken, und plötzlich fiel es ihr ein: Ein hungriger Mann hatte am Morgen dieses schicksalhaften Tages an ihre Tür geklopft und um Essen gebeten. Sie hatten ihn zornig angeschrieen: „Heute flehen wir um Gnade, und du belästigst uns? Wir haben jetzt keine Zeit für dich!“ Aber der Arme war hartnäckig. Er achtete nicht auf das Geschrei, sondern bat erneut um Essen. „Ich habe schon lange nichts mehr gegessen“, klagte er. „Wollt ihr etwa einen hungrigen Juden abweisen?“ Die Frau des Chassiden gab dem Mann das Mahl, das für die Familie zubereitet worden war und unberührt auf dem Tisch stand, weil alle viel zu aufgeregt waren, um zu essen. Der arme Jude griff herzhaft zu.
Als Reb Schmuel das hörte, wurde ihm die Midrasch Tanchuma kristallklar. Wie weitsichtig sein Vater war! „Das genügt“, sagte er zu dem Ehepaar und ging.
Viele Jahre später, als der frühere Rebbe diese Geschichte bei einer Pessach-Versammlung erzählte, bemerkte er: „Wie ihr seht, hat schon eine einzige gute Tat enorme Macht. Diese Geschichte zeigt, welche Wirkungen alle unsere Taten haben.“
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