Bruria saß am Tisch und starrte die offene Torarolle an. Aber sie sah die Worte nicht. Meist lenkte das Studium sie von ihrer schweren Vergangenheit ab; doch an Tagen wie diesem wurde sie von schmerzlichen Erinnerungen überschwemmt. Die schrecklichen Szenen waren heute so klar wie damals. „Vater, Vater“, schrie sie immer wieder. Sie hatte vergeblich versucht, zu ihm zu gehen, um ihm zu helfen oder sein Martyrium zu teilen. Es war, als seien erst Stunden vergangen, seit seine reine Seele aus dem gequälten Körper floh und zum Himmel aufstieg, zusammen mit den heiligen Buchstaben der Torarolle, die um seinen Körper gewickelt war und nicht verbrennen wollte. Am selben Tag wurde ihre fromme Mutter umgebracht und ihre Schwester versklavt.

Ihr Mann, Rabbi Meir, trat ein und unterbrach ihre Gedanken. Aber sie schaute nicht auf. „Woran denkst du?“, fragte er leise.

„Seit diesem schrecklichen Tag ist so viel Zeit vergangen. Ich denke an meine arme Schwester. O Meir, wir müssen etwas tun, um sie zu befreien. Es ist so lange her, dass wir es versucht haben. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass sie eine Gefangene der lasterhaften Römer ist. Ich kann nicht weiterleben, wenn ich daran denke, was sie durchmacht.“

„Du hast Recht, Bruria. Ich werde mich bemühen. Vielleicht ist G-tt ihr gnädig und greift zu ihren Gunsten ein. Vielleicht habe ich diesmal Erfolg.“

Am nächsten Tag bereitete Rabbi Meir sich auf seine Mission vor. Er legte die Kleider ab, die ihn als Gelehrten auswiesen, und zog sich wie ein Reisender an. Er belud sein Pferd mit Proviant und verbarg einen Beutel mit Goldmünzen sorgfältig im Gürtel. Mit diesem kleinen Vermögen hoffte er, den Gefängniswärter zu bestechen und seine Schwägerin zu befreien. Als er die römische Festung erreichte, stieg er ab und ging zu der Wache. „Halt! Was willst du hier?“, fragte der Römer barsch.

„Ich möchte das jüdische Mädchen freikaufen, das hier gefangen sitzt.“

„In diesem Fall kannst du dich gleich wieder aufs Pferd setzen. Ich kann nichts für dich tun. Was glaubst du wohl, was meine Vorgesetzten mit mir tun würden, wenn ich eine Gefangene einfach freiließe?“

„Ich verstehe dein Problem“, sagte Rabbi Meir und holte seinen Beutel mit Gold hervor. Er achtete darauf, dass der Mann den Beutel sah und die Münzen klingen hörte. „Vielleicht kann der Inhalt dieses Beutels das Problem lösen. Behalte die Hälfte für dich und gib den Rest deinen Kollegen, damit sie den Mund halten. Ich bin sicher, so kannst du das Mädchen freilassen.“

Der Wächter riss die Augen auf und starrte den Beutel an. Nur seine Furcht hielt ihn davon ab, ihn zu packen. „Wenn man mich schnappt, bin ich erledigt!“

„Ich verspreche dir, wenn du Hilfe brauchst, musst du nur rufen: ,G-tt Meirs, hilf mir!’. Dann wirst du gerettet.“

„Wie kann ich dir vertrauen?“ Kaum hatte der Wächter diese Frage gestellt, als Rabbi Meir ein Rudel wilder Hunde sah. Er hob ein paar Steine auf und bewarf die Hunde damit. Diese stürzten sich mit gefletschten Zähnen auf ihn. „G-tt Meirs, hilf mir!“, rief Rabbi Meir. Sofort liefen die Hunde fort. Als der Wächter das sah, griff er nach dem Beutel mit Gold. Dies war offensichtlich kein gewöhnlicher Reisender, sondern ein Mann, der Wunder tun konnte. Kurze Zeit später lief Brurias Schwester auf die Straße. Sie war frei.

Als die Nachricht von ihrer Befreiung Rom erreichte, wurde eine Untersuchung angeordnet. Bald wurde der Wächter überführt und zum Tode verurteilt. Man führte ihn zum Galgen und legte ihm eine Haube über den Kopf. Aber er hatte Rabbi Meirs Rat nicht vergessen und rief im letzten Augenblick: „G-tt Meirs, hilf mir!“ Sofort riss das Seil. Der Henker holte ein neues, aber irgendetwas ging immer schief, einerlei, wie sehr er sich anstrengte. Alle Anwesenden spürten, dass etwas Ungewöhnliches im Gange war. Sie holten den Wächter vom Schafott und fragten ihn: „Was geht hier vor? Eine höhere Macht scheint dich zu retten. So etwas ist nie zuvor geschehen!“ Der Wächter erzählte ihnen von dem seltsamen Reiter, der das Mädchen ausgelöst hatte, und von seinem Versprechen. Die seltsame Geschichte verbreitete sich und erreichte das Ohr der höchsten Beamten. Sie wussten, dass Rabbi Meir im Ruf stand, ein heiliger Mann zu sein, der Wunder wirken konnte. Darum nahmen sie an, dass er der kühne Reiter gewesen war. Sie scheuten keine Mühe, ihn zu fangen und zu bestrafen, um den Juden eine Lektion zu erteilen.

Eines Tages ging Rabbi Meir die Straße entlang und wurde erkannt So schnell er konnte, floh er auf dem gewundenen, schmalen Weg; aber man würde ihn bald einholen. Da sah er eine Schenke, die nicht koscher war, ein ideales Versteck. Wer würde den großen Rabbi Meir in einem solchen Lokal vermuten? Er trat ein, bestellte Essen, tauchte einen Finger in den Teller und leckte einen anderen ab. Seine Verfolger waren ihm dicht auf den Fersen. Sie schauten durch die Tür und starrten Rabbi Meir an. Nein, dass konnte er nicht sein. Er sah zwar aus wie der Rabbi, aber er leckte seine Finger und genoss nicht-koscheres Essen. Das war bestimmt nicht Rabbi Meir. Rasch setzten sie ihre Suche woanders vor. Rabbi Meir wartete noch einige Minuten, dann ging er. Er wusste, dass er nicht mehr im Heiligen Land bleiben konnte. Am selben Tag plante er seine Flucht nach Babylonien und in die Sicherheit.