Reb Nachum und Reb Gedalja waren die zwei reichsten Bürger ihrer Bezirke. Darum sprach die ganze Stadt davon, als zwei Mitglieder dieser Familien heiraten wollten. Die Vorbereitungen für die Feier dauerten mehrere Wochen, und die Hochzeit galt als „das“ Ereignis des Jahres oder sogar des Jahrzehnts. Dann verbreitete sich plötzlich das Gerücht, Reb Nachum, der Vater der Braut, habe sein Vermögen verloren.
Schließlich kam die bittere Wahrheit ans Licht: Reb Nachum musste Bankrott erklären. Er hatte nicht nur seinen persönlichen Besitz verloren, sondern musste sogar sein Haus verkaufen, um seine Gläubiger zu bezahlen. Die Familie zog in eine winzige Wohnung, die von der Gemeinde bezahlt wurde. Als Reb Gedalja davon hörte, schickte er sofort einen Boten zu Reb Nachum und drückte ihm in einem Brief seine Anteilnahme aus. Es tue ihm Leid, dass Reb Nachums Glück sich gewendet habe. Aber seiner Meinung nach sei klar, dass es nun keine Heirat mehr geben könne – man solle diesen Irrtum sofort aus der Welt schaffen. Doch Reb Nachum war anderer Ansicht. „Vereinbart ist vereinbart“, beharrte er und weigerte sich, die Absprache rückgängig zu machen. „Sie hat nichts mit den Finanzen zu tun.“
Als der Bote mit Reb Nachums Antwort zu Reb Gedalja zurückkehrte, verwandelte sich dessen Mitgefühl schnell in Wut. Sofort suchte er Reb Nachum auf und wollte ihm alle Verlobungsgeschenke seines Sohnes zurückgeben.
Reb Nachum blieb stur. „Es ist nicht meine Schuld, dass ich mein Geld verloren habe“, erklärte er. „Wer unter Zwang gesündigt hat, wird von G-tt nicht bestraft.“ Reb Gedalja dachte lange über das Problem nach; dann hatte er eine Idee. „Wie wäre es, wenn wir eine dritte Partei entscheiden ließen?“, fragte er. „Der berühmte Zadik, der Rebbe von Zans, wohnt in der Nähe. Lass uns zu ihm gehen, ihm die Sache vorlegen und seinen Rat befolgen.“
Reb Nachum blieb ungerührt. „Ich löse die Verlobung auf keinen Fall. Sie wäre ohne den Segen des Himmels nie geschlossen worden. Wenn du zum Zadik gehen willst, bitte. Aber ich gehe nirgendwohin.“ Verärgert reiste Reb Gedalja allein ab.
Am späten Freitagabend kam er in Zans an. Obwohl der Rebbe so kurz vor dem Schabbat meist keine Besucher empfing, machte er für Reb Gedalja eine Ausnahme, weil dessen Spenden legendär waren. Wahrscheinlich hatte der Rebbe die Geschichte bereits gehört, denn alle in der Gegend sprachen darüber. Dennoch hörte er Reb Gedalja aufmerksam zu.
Der Rebbe schwieg ein paar Minuten, ehe er antwortete: „Du hast Glück, dass du zu mir gekommen bist. Aber da es fast Schabbat ist, können wir jetzt nicht weiterreden. Bleib hier als mein Gast, und nach dem Schabbat setzen wir das Gespräch fort.“
Reb Gedalja verließ den Rebbe ermutigt und hoffnungsvoll. Der Zadik hatte ihm genau zugehört und schien auf seiner Seite zu sein. Er würde gewiss zu seinen Gunsten entscheiden. Immerhin hatte er gesagt, sein Gast habe Glück. Reb Gedalja verbrachte einen angenehmen Schabbat im Hof des Zanser Rebbe. Gleich nach Hawdala wurde er wieder zum Zadik gerufen. Voller Ehrfurcht erwartete er das Urteil des Rebbe.
„Reb Gedalja“, sagte der Zanser Rebbe, „ich möchte, dass du sofort zu Reb Nachum gehst und ihm folgende Nachricht überbringst: Obwohl er sich bereit erklärt habe, die Hälfte der Hochzeitskosten zu bezahlen, wäre es dir eine Freude, die gesamten Kosten zu übernehmen, da er ja nichts mehr hat. Die Hochzeit wird wie vereinbart stattfinden.“
Als Reb Gedalja sich von seinem Schreck erholt hatte, bat er um eine Erklärung. „Rebbe“, stammelte er, „ich verstehe das nicht. Habt Ihr nicht gesagt, ich hätte Glück?“
Der Rebbe schaute ihm in die Augen und lächelte. „Du hast mich wohl falsch verstanden“, sagte er. „Ich meinte, du hast Glück gehabt, dass du gekommen bist und nicht dein künftiger Verwandter Reb Nachum. Stelle dir vor, wie dir zumute wäre, wenn das Glück nicht ihn, sondern dich verlassen hätte!“
Also wurden Reb Gedaljas Sohn und Reb Nachums Tochter vermählt. Und der Zanser Rebbe leitete die Feier selbst.
ב"ה
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