Als Teil seines Erbes bekam Rabbi Josef eine Uhr, die seinem Vater, dem Seher von Lublin, gehört hatte. Als die Schiwa (die ersten sieben Trauertage) für seinen Vater endeten, brach Rabbi Josef nach Tulchin auf, wo er wohnte. Unterwegs begann es stark zu regnen. Bald waren die Straßen überschwemmt, und er kam nicht weiter. Zum Glück fand er eine jüdische Herberge und beschloss, dort zu rasten, bis das Unwetter vorbei war. Nach drei Tagen hörte der Regen auf. Rabbi Josef war froh, dass er aufbrechen konnte. Aber Zeew, der Wirt, legte ihm eine Rechnung vor, die er nicht bezahlen konnte. Er bot dem Wirt eines seiner Besitztümer als Zahlung an, und nach einigem Überlegen wählte Zeew die Uhr.

Zeew hängte die Uhr in ein Hinterzimmer, zog sie auf und stupste das Pendel an. Die Uhr begann zu ticken. Jede Stunde zeigte sie mit der richtigen Zahl von Schlägen die Zeit an. Anfangs freuten sich Zeew und seine Frau über den Klang; doch bald achteten sie kaum noch darauf. Jahre später übernachtete ein Rabbiner in der Herberge und bekam das Zimmer, in dem die Uhr hing. In dieser Nacht konnte Zeew nicht schlafen, obwohl er müde war. Er hörte wunderschönen Gesang und Tanzgeräusche aus dem Zimmer des Rabbiners. Und wenn die Uhr schlug, wurde die Musik noch fröhlicher. Zeew beschloss, den Rabbiner am Morgen zu fragen, worüber er sich so gefreut hatte. Mit diesem Gedanken fiel er in tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen sagte der Rabbiner, als hätte er Zeews Gedanken gelesen:

„Du wunderst dich bestimmt darüber, dass ich heute Nacht so fröhlich war. Aber ich frage mich, woher du diese Uhr hast!“

Zeew verstand den Zusammenhang nicht, aber er erzählte dem Rabbiner die Geschichte von Rabbi Josef.

„Wie ich sehe, hast du keine Ahnung, was für ein gutes Geschäft du gemacht hast“, sagte der Rabbiner. „Diese Uhr gehörte meinem heiligen Rebbe, dem Seher von Lublin. Ich habe sie sofort an ihrem Klang erkannt!“

„Eine Uhr ist eine Uhr“, murmelte Zeew.

„Lass mich erklären, was eine Uhr wirklich ist“, sagte der Rabbiner. „Die Leute glauben, eine Uhr sage ihnen, wann sie aufstehen, arbeiten, essen und schlafen sollen. Das ist Unsinn. Die Menschen haben Jahrtausende ohne Uhr gelebt. Ein Tier braucht keine Uhr, um zu wissen, was es zu tun hat.“

„Das stimmt“, gab Zeew zu.

„Eine Uhr erinnert uns daran, dass es Zeit gibt. Als G-tt die Welt erschuf, da erschuf er auch die Zeit. Die Zeiger der Uhr erinnern uns daran, dass G-tt der ganze Welt in jeder Minute und in jeder Stunde das Leben schenkt, auch uns.“

„Ja, eine Uhr ist etwas Großartiges!“, rief Zeew begeistert.

„Das ist nicht alles“, fuhr der Rabbiner fort. „Die Uhr erinnert uns auch daran, dass die Zeit vergeht und dass wir achtsam sein müssen. Wir können alles finden, was wir verloren haben, außer der Zeit, die unwiederbringlich ist. Wenn die Uhr schlägt, sollten wir darüber nachdenken, ob wir die vergangene Stunde sinnvoll genutzt haben.“

„Ach, Rabbi, ich habe so viele Stunden vergeudet!“, rief Zeew.

„Kopf hoch“, sagte der Rabbiner aufmunternd. „Weißt du, dass das hebräische Wort für Stunde ‚Umkehr‘ bedeutet? Stell dir vor, jemand schlendert eine Straße entlang bis zu einer Klippe Plötzlich merkt er, wo er ist, und dreht sich schnell um. So wird er gerettet, noch bevor er sich von der Gefahr entfernt hat. Innerhalb einer Stunde oder mit einer Rückkehr auf den richtigen Weg kann ein Mensch sein ganzes Leben ändern.“

„Wie wundervoll!“, staunte Zeew.

„Nun werde ich dir das aufregende Geheimnis dieser Uhr enthüllen, die meinem heiligen Rebbe gehörte. Sie ist vollkommen, weil sie nicht nur die genannten Vorzüge aufweist, sondern auch Glück bringt. Jedes Mal, wenn sie schlägt, kündigt sie gute Nachrichten an, als wolle sie uns sagen, dass eine Stunde des Exils vergangen ist und dass wir der vollständigen und endgültigen Erlösung durch den Moschiach eine Stunde näher sind. Verstehst du jetzt, warum ich in der vergangenen Nacht so jubelte? Ich hörte die Uhr schlagen, erkannte sie und feierte ausgiebig.“