Eines der schwierigsten Gefühle, mit denen sich die menschliche Seele auseinandersetzen muss, ist das Gefühl, gefangen zu sein. Gefangen in einem aussichtslosen Job, gefangen in einer ungesunden Beziehung, gefangen durch unsere eigenen negativen Gewohnheiten und inneren Dämonen. Selbst wenn man vor einer gewaltigen Notlage steht: Solange das Gefühl besteht, voranzukommen und Fortschritte zu machen, ist der Schmerz dieser Notlage nicht so intensiv. Wenn sich ein Mensch jedoch gefangen fühlt, ohne Klarheit darüber, wie es weitergehen soll, und ohne Hoffnung auf Veränderung, ist der Schmerz unendlich viel schlimmer.

Die drei Wochen zwischen dem 17. des hebräischen Monats Tamus und dem 9. des hebräischen Monats Av werden Bein HaMetzarim („Zwischen den Engpässen“) genannt, und während dieser Zeit treten Juden auf der ganzen Welt in eine Phase der Zurückhaltung ein, in der sie äußere Zeichen der Freude auf ein Minimum beschränken und verschiedene Bräuche einhalten, die mit Trauer verbunden sind.

Wenn sich ein Mensch gefangen fühlt, ist der Schmerz unendlich viel schlimmer

Wie ihr Name schon so deutlich andeutet, sind diese drei Wochen schwer. Wir gedenken der geistig und körperlich zerstörerischen Ereignisse, die sich zwischen dem Durchbruch der Mauern Jerusalems am 17. Tamus und dem Fall des Bet Hamikdasch (Heiligen Tempels) am 9. Av im Jahr 70 v.u.Z. ereigneten. Auch heute noch gilt dies als ungünstige Zeit, in der sich negative Kräfte in der Welt ungehemmter entfalten.

Doch trotz ihrer Verbindung mit zerstörerischen Energien sind diese drei Wochen auf einer tieferen Ebene auch von kraftvollen positiven spirituellen Einflüssen durchdrungen. In unserer zeitgebundenen Welt findet „Bein HaMetzarim“ im Sommer statt, wenn die Sonne am stärksten ist. Die Kabbala lehrt, dass jedes Detail unserer Welt hier unten ein Spiegelbild dessen ist, was hinter den Kulissen in den spirituellen Welten oben vor sich geht. 1 Jedes physische Objekt und jeder Umstand ist die Manifestation der ihm entsprechenden spirituellen Kraft sowie der Wechselwirkungen zwischen einzelnen spirituellen Kräften. Die Sonne wird spirituell mit dem g-ttlichen Namen Havayah in Verbindung gebracht,2 ein Name G-ttes, der Seine Eigenschaften des Mitgefühls und der Offenbarung zum Ausdruck bringt. Die Kraft der Sonne während Bein HaMetzarim zeigt uns also, dass in der dunkelsten Zeit des hebräischen Kalenders G-ttes Liebe und Mitgefühl in Wahrheit am hellsten strahlen.

Jeder Mensch ist ein Mikrokosmos des gesamten Universums. Und so erlebt jeder von uns auf seiner Reise durch diese Welt seine eigenen Phasen von Bein HaMetzarim – Phasen persönlicher Zerstörung, in denen sich die heiligen Räume in uns und in unserem Leben wie dem Erdboden gleichgemacht anfühlen und wir uns in den Trümmern dessen, was einmal war, gefangen fühlen. Doch gerade in diesen Zeiten tiefster Dunkelheit strahlt das Licht des Mitgefühls am stärksten in unseren Seelen, offenbart sich das Unendliche selbst vor uns. Denn Zerstörung ist, wie alle anderen Kräfte im Universum, von g-ttlicher Absicht erfüllt.

Nach der Geburt meines zweiten Kindes versank ich in der tiefen Dunkelheit einer postpartalen Depression. Die Identität, die ich mir so sorgfältig als liebevolle, aufmerksame Mutter eines Kindes aufgebaut hatte, zerbröckelte unter der Notwendigkeit, meine Aufmerksamkeit auf zwei Kinder aufzuteilen; der Druck durch einen Job, den ich gar nicht ausüben wollte, nahm zu; Menschen, gegenüber denen ich dringend Grenzen setzen musste, drangen in mein Innenleben ein und verletzten es; und ich fühlte mich absolut gefangen in einem unaufhörlich tobenden Sturm unkontrollierbaren Chaos.

Doch aus dieser Zerstörung entstand eine völlig neue Realität.

Um aus der brodelnden Dunkelheit und dem Chaos emporgehoben zu werden, musste ich zuvor schlummernde Kräfte in meiner Seele wecken und mich mit sehr realen Problemen in meiner Psyche auseinandersetzen, die sich hinter einer hohlen Fassade scheinbarer Zufriedenheit versteckt hatten. Mit Unterstützung und geleitet von den chassidischen Lehren erkannte ich die Probleme an, die ich in Bezug auf Mutterschaft, Arbeit und Selbstfürsorge hatte, und stellte mich ihnen. Im Laufe dieser Heilungsarbeit entdeckte und annahm ich die wahren Leidenschaften und Gaben meiner Seele – das Schreiben, das Reden und das Lehren – und ich lernte, gesunde Grenzen zu setzen und mit toxischen Menschen und Situationen mit Stärke und Würde umzugehen.

Hätte ich die zerstörerische Kraft der postpartalen Depression nie erlebt, hätte ich diese Probleme, die direkt unter der Oberfläche meines Bewusstseins lauerten und still und leise meine spirituelle, intellektuelle und emotionale Energie zermürbten, niemals aufgedeckt, geschweige denn gelöst. Meine Seele – mein wahres Ich, ein buchstäbliches Stück des Unendlichen – wäre auf unbestimmte Zeit eingeengt geblieben und daran gehindert worden, sich bewusst in meinem Verstand und meinem Herzen zu manifestieren. Jeder von uns kam genau aus diesem Grund auf diese Welt: um die bewusste Präsenz unserer g-ttlichen Seele in unserem Verstand und unserem Herzen zu kultivieren.

Die chassidischen Meister 3 lehren, dass der innere Zweck der Zerstörung des Heiligen Tempels darin besteht, den endgültigen Bau des nächsten und letzten Heiligen Tempels zu ermöglichen, der die Erhebung der Menschheit in den höchsten Zustand der Geulah, des G-tt-Bewusstseins, bedeuten wird. So ist auch im Mikrokosmos unseres Lebens der innere Zweck jeder Zerstörung der endgültige Aufbau eines neuen und höheren Bewusstseins, eines gefestigten Tempels in jedem von uns, in dem sich das Wesen des Unendlichen offenbart.

In der Dunkelheit verbirgt sich das stärkste Licht

In der Dunkelheit verbirgt sich das stärkste Licht. Im Chaos verbirgt sich die höchste g-ttliche Ordnung. Es liegt an uns, sie zu offenbaren.