Nizawim-Wajelech
Lieber Leser,
in seinem tiefsten Wesen ist Rosch Haschana der "Krönungstag" des Königs der Könige; und an dieser "Krönung" nimmt jeder einzelne Jude teil. Dieser Idee wird besonders in den "Malchijot" des Mussafgebetes für Rosch Haschana Ausdruck verliehen.
Unter diesen Gesichtspunkten ist eine (erst einmal frappant erscheinende) Tatsache zu verstehen: Obwohl Rosch Haschana die "Zehn Tage der Rückkehr" (auch "Zehn Bußtage" genannt) einleitet und zu diesen gehört, wird während Rosch Haschana weder das "Tachanun"-Gebet noch das Sündenbekenntnis gesagt. Sondern das Gefühl der "Zugehörigkeit zu G-tt", wie es durch den Gedanken an die "Krönung" hervorgerufen wird, erfüllt unser ganzes Gemüt so sehr, dass die Reue für die Sünden der Vergangenheit – so wichtig diese als solche ist – in dem überwältigenden Gefühl von "Ehrfurcht vor der Erhabenheit" untergeht.
In ihrem tiefsten Wesen ist "Tschuwa" selbst – im Sinne dieses Wortes als "Rückkehr (zur Quelle)" – absolut vereinbar mit dem wesentlichen Gehalt von Rosch Haschana, als dem Ereignis der "Krönung G-ttes".
Schabbat Schalom
In den letzten Tagen vor seinem Ableben weist der große Anführer Mose das jüdische Volk zurecht immer in den Wegen G-ttes zu wandeln. Dabei verkündet er den Kindern Israels: Denn dieses Gebot, das Ich dir heute kundtue, nicht verborgen und fern ist es. Nicht im Himmel befindet es sich, dass du sprechest, wer steigt für uns den Himmel hinauf ... und nicht jenseits des Meeres.
„Einen Bund schließen“ heißt, dass jeder Einzelne Verantwortung für die anderen übernimmt und jeder für die anderen bürgt.
Der Saadia Gaon schreibt, dass Nizawim und Wajelech tatsächlich eine zusammengehörige Parascha bilden und nur im Ausnahmefall als separate Wochenabschnitte gelesen werden - ganz im Unterschied zu anderen Doppelparschiot, die in der Regel zwei völlig eigene Wochenabschnitte bilden.
Die 613. Mizwa fordert jeden Juden dazu auf, eine Tora-Rolle zu schreiben. Im Vers wird das wie folgt ausgedrückt: "Und jetzt, schreib dieses Lied für dich selbst auf und lehre es den Kindern Israels..."
Das Judentum ist mysteriös. Geschenkartig verpackt kommt es vom Himmel, mit Bändern, Schleifen und Knoten – jeder geöffnete deckt noch ein weiteres Geheimnis auf, ein stets wachsendes Unbekanntes von neuen Knoten, die es zu lösen gilt.
Die Zeit der Vorbereitung für Rosch Haschana – dem Tage, an welchem G-tt die Schöpfung der Welt beendete mit der Erschaffung des Menschen, des „Auserwählten der Geschöpfe“ – ist auch die Zeit, da man über die Schöpfung, ihren Plan und ihre Ordnung nachdenken soll.
Rabbi Schalom von Bels pflegte jedesmal vor Rosch Haschana vor dem Schofarblasen einige Toragedanken zu äussern.